Pilgern mit Hund nach Santiago de Compostela

Translation:

Reinhard: Achtung Radpilger!

Von Manjarin bis Molinaseca, 18 km

Gestern Abend noch war es auf der Bettenetage in Lau-Buru lecker warm. Der Kamin aus der Wohnküche heizte Flavia, Carmen und mir, die oben schliefen, ordentlich ein. Bei Anni, die sich unten neben dem Esstisch auf meiner Luftmatratze lang gemacht hatte, um bei Sira sein zu können, waren die Temperaturen angenehmer. In der Nacht ändert sich das allerdings. Das Kaminfeuer geht aus und die Kälte von draußen kriecht durch die sehr wohl vorhandenen Ritzen des Hauses bis in die Schlafsäcke bzw. unter die Decken. Stichwort "Decke". Das Exemplar, mit dem ich mich zudecke, scheint aus Stacheldraht gewebt zu sein. Jedenfalls kratzt es fürchterlich. Auf die Idee, mir mit entsprechender Kleidung die Extremitäten zu bedecken, komme ich nicht. Leise Flüche verhelfen mir aber immer wieder in den Schlaf. Leider schlägt zusätzlich der gute Tee vom Abend doppelt und dreifach zu und ich halte mich während der Nacht dran, in Unterwäsche das Plumpsklo draußen um die Hausecke herum zu berennen. Ein Frischeerlebnis der besonderen Art. Auf einer Höhe von 1150 m ü.NN. und schlechtem Wetter kein Wunder.

Als ich etwas später als üblich morgens unter der Stacheldrahtdecke hervorkrieche, ist Paco gerade dabei, den Kamin wieder anzuheizen und das Frühstück zu bereiten. Zu allererst drückt er mir eine heiße Tasse Kaffee in die Hand und brabbelt dabei etwas auf Spanisch. Ich meine herauszuhören, dass das so gut sei wie eine heiße Dusche - und ich muss ihm Recht geben. Eine Dusche gibt es hier sowieso nicht. Rationiertes Trinkwasser wird aus einem Brunnen herbeigeschafft, Nutzwasser wird aus dem Regenwasserbehälter abgezapft. Beides ist eiskalt und nur für die ganz Harten. Zum Zähneputzen und Benetzen der Augenwinkel reicht mir heute Morgen der Rest aus meiner Trinkflasche - natürlich outdoor.

Als ich von draußen in die langsam wärmer werdende Stube zurückkehre, hat sich Anni gerade aus dem Schlafsack gepellt. Wenig später kommen auch Flavia und Carmen die Stiege runtergeklettert und setzen sich mit uns und Paco an den Frühstückstisch. In aller Ruhe greifen wir bei Toast und Marmelade zu, denn heute haben wir Zeit. Es sind nur 18 Kilometer, meist die Straße hinab, die Unterkunft ist reserviert, da hetzt uns keiner. Um kurz vor 10 Uhr ist es dann doch soweit. Wir müssen Abschied nehmen von diesem besonderen Haus und diesen netten Menschen. Von Flavia und Carmen bekommen wir beide jeder ein kleines Abschiedsgeschenk: einen kleinen Zettel mit einem Bibelvers. Beide sind gläubige Adventisten. Anni und ich sind gerührt und drücken beide herzlich. Paco schießt noch ein paar Fotos für seine Homepage, wir noch alle von uns gegenseitig für uns zur Erinnerung. Schließlich sind wir weg. Als wir etwas bergan nochmal auf das kleine Haus zurückblicken, wissen wir, dass wir hier einen besonderen Ort erlebt haben.

In Manjarin gibt es noch einen besonderen Ort: die Herberge von Tomás. Tomás wollte 1993 eigentlich nach Santiago, entschied sich dann aber, in der Einsamkeit des Bergdorfes Manjarin zu bleiben und, in der Tradition der Tempelritter, für die Pilger zu sorgen. Inzwischen war er selbst auch schon in Santiago, sorgt sich aber, mittlerweile mit einigen Gleichgesinnten, immer noch. Wie weit er sich um seine zahlreichen Hunde auch noch kümmert, weiß ich nicht, jedenfalls stromern diese in großer Zahl zwischen den Holzhütten und kaum noch bewohnten kleinen Steinhäusern herum und erschrecken die Pilger. Die bulligen Exemplare an den Ketten tun das nicht minder. Alle zusammen jagen jedenfalls den Pilgern, die sich gerade von Tomás' zweifellos uriger Herberge aus auf den Weg machen wollen, einen gehörigen Schrecken ein, als sie unsere tapfer vorbeiziehende Sira verbellen.

Das Wetter ist gewöhnungsbedürftig. Offensichtlich befinden wir uns hier oben in den tief hängenden Wolken, denn die Sicht beträgt kaum 50 Meter. Wir haben jetzt die Wahl zwischen der sich ins Tal windenden und wenig befahrenen Straße und einem zum Teil parallel verlaufenden, zum Teil auch mal steiler abfallenden steinigen Pfad. Schon Paco hat mir wegen des Wheelys die Straße empfohlen und (manchmal) lasse ich mir gerne was sagen.

Von den beschriebenen herrlichen Fernblicken über Teile der Montes de León erkennen wir natürlich überhaupt nichts. Wir durchdringen nur eine dicke Nebelsuppe. Während wir schweigend einhergehen und mein Wheely ruhig über die Straße rollt, vernehmen wir auf einmal ein störendes Klick - Klack - Klick - Klack ..., verbunden mit einem Flöten, das wohl ein Lied ergeben soll, aber mangels einer Melodie nur absolut nervtötend ist. Ein Mann spurtet auf dem Pfad neben der Straße an uns vorbei und sondert diese Geräusche ab. Ein wenig erinnert er mich daran, wie ich als Kind früher manchmal in den dunklen Keller musste, um Kohlen heraufzuholen. Vor Angst habe ich damals auch gepfiffen oder gesungen. Vielleicht hat der liebe Pilger ja Angst alleine im dichten Nebel?

Während dies zwar nervend, aber im Prinzip harmlos ist, bringt mich eine andere Situation in Wut. Ein junger Radpilger kommt plötzlich im dichtesten Nebel die abfallende Straße heruntergeschossen. Selbst bei gutem Wetter wird für diesen Streckenabschnitt in den Jakobsweg-Führern zur äußersten Vorsicht und umsichtigen Fahrweise gemahnt. Aber dieses Bürschchen setzt sich über alles hinweg und gefährdet damit sich und andere. Eine Stunde später berichtet uns eine Pilgerin von einem anderen Radpilger, der entgegen aller Warnungen auf einem sehr steil abfallenden Teilstück des Hauptpfades viel zu schnell unterwegs war. Fast wäre er auf eine Pilgergruppe aufgefahren, weil er nicht mehr bremsen konnte. Nur durch ihr geistesgegenwärtiges Beiseitespringen konnten die Fußpilger Schlimmes verhindern. Krankenwagen sind in diesem Abschnitt des Weges häufig wegen verletzter Radpilger im Einsatz, sogar einen Toten hat es schon gegeben. Er war Deutscher.

Ich will mich ja gar nicht grundsätzlich über die Radpilger beschweren, gar nicht mich einklinken in das Klagelied vieler Fußpilger, die das Pilgern per Rad in Frage stellen. Jeder soll es so tun, wie er möchte. Manchmal wünschte ich mir von einigen dieser Gattung nur etwas mehr Rücksichtnahme. Immer wieder kommt es vor, dass wir plötzlich von einem von ihnen überholt werden, ohne ihr Herannahen bemerkt zu haben. Ein unbedachter Schritt zur Seite im falschen Moment hätte schon das eine oder andere Mal fast zu unangenehmen Folgen geführt. Ist es verboten, eine Klingel mitzuführen und damit eine Überholabsicht anzukündigen? Es genügt doch sogar ein fröhliches "Halloohooo!" und man tritt gerne zur Seite. Einige tun das ja auch, viele grüßen mit einem verbindenden "Buen Camino!", aber lange nicht alle.

Schöner ist die Begegnung wenig später. Hinter uns taucht auf einmal ein schlankes junges Mädchen aus dem Nebel auf. Es ist Ricarda. Seit einigen Tagen haben wir sie nicht mehr gesehen, jetzt ist sie auf einmal wieder da. Das ist eben der Camino! Bis zur Unterkunft bleiben wir heute zusammen.

Und noch eine schöne Begegnung: Im schönen Örtchen El Acebo mit seinen in die Gassen vorstrebenden Holzbalkonen treffen wir auf die Spanierin Adriana mit ihrem Hund Olli, einem Labrador-Retriever. Noch ein Pilgerhund! Mit strahlendem Gesicht sagt sie, dass sie von uns unterwegs schon gehört habe. Sie sei sogar schon mit Anni verwechselt worden. Ob sie nicht auch mit ihrem Vater auf dem Camino sei. Herrlich, oder? Etwas später kommt uns die Überlegung, ob wir von nun an nicht mit Adriana und Olli in einen Unterkunftswettlauf eintreten werden. Aber ich denke, unter Hundefreunden werden sich Wege (und Betten) finden lassen.

Hinter Riego de Ambrós verlassen wir die Straße. Mein Wheely muss mal wieder Geländegängigkeit beweisen und ich die Fähigkeit, mit ihm umzugehen. Nach der Meseta und dem gestrigen leichten Aufstieg nach Manjarin, ist jetzt mal wieder Leistung gefragt. Und das nicht zu knapp! Der steile und sehr steinige weitere Abstieg nach Molinaseca hinab verlangt uns einiges ab. Wir beide werden ordentlich durchgeschüttelt. Ein weiteres Mal beweist sich die gute Qualität von Fritz Kleinerts Gefährt. Na ja, und mit meiner Qualität bin ich eigentlich auch ganz zufrieden. Langsam und bedächtig seile ich mich mit Wheely ab, während Anni, Ricarda und Sira munter den Pfad hinunter hüpfen.

Guter Dinge und unverletzt erreichen wir am frühen Nachmittag Molinaseca, kommen über die alte Römerbrücke in das Herz der kleinen Stadt hinein und durchqueren sie durch die Gasse, die die Pilger bereits im Mittelalter benutzt haben.

Am anderen Ende des Ortes steht die Albergue municipal. Gewöhnlich sind Gemeindeherbergen kein Ort, wo Pilger mit Hunden unterkommen. Hier ist das anders. Am Rande einer großen Wiese steht ein kleines Gartenhäuschen mit nicht mehr als zwei Betten drin. Genau das Richtige für uns Drei! Wir haben genug Platz, stören niemanden und haben unsere Ruhe.

Und jetzt bitte festhalten! In dieser Herberge hat im Jahre 2000 Kardinal Ratzinger, unser späterer Papst Benedikt, übernachtet. Vielleicht haben wir beide sogar dieselbe Dusche benutzt!? Im Gartenhäuschen hat er aber bestimmt nicht geschlafen.

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Kommentare: 4
  • #1

    Dani (Montag, 10 Juni 2013 09:23)

    Papa, da fällt mir ein: hast du eigentlich Flickzeug für deinen Wheely dabei?

  • #2

    Fritz (Montag, 10 Juni 2013 13:45)

    Hoi Reinhardt,
    hast jetz die "Wheely - Führerscheinprüfung" bestanden, Glückwunsch!

    Weiterhin "Bueno Rolling"

    Kennst du die Gemeindeherberge von Cacabelos? Ist ein interessantes Ding| Im Innenhof der Kirche, immer an der Aussenwand lang sind 2-Bett-Kabinen installiert. Guckt es euch mal an.
    In Villafranca beim Hospitalero Jesus springen auch Hunde herum - fragen kostet nichts. Und er macht auch Gepäcktransport auf den O'Cerbreiro. Er kennt den Wheely schon. Wenn du ihn siehst, Gruss vom "falschen Combrianos".
    Combrianos heisst Geburtstag, das wusste ich damals nicht. Arglos berichtete ich, dass ich in "Comprianos" übernachtete, meinte aber das. Dorf nach Ponferrada "Columbrianos" Denn Rest kannst du dir denken.
    Gruss Fritz

  • #3

    opaundafrikapilgern (Montag, 10 Juni 2013 20:19)

    Hallo Fritz,
    danke für deine Glückwünsche. Jetzt habe ich nur noch etwas Bammel nach O Cebreiro hinauf.
    In Cacabelos waren wir an der Herberge, allerdings nur für eine kurze Rast. Haben dann dort aber wegen des Hundes schnell einen (freundlichen) "Platzverweis" bekommen. Übernachtet haben wir dann 3 km weiter in Pieros. Jesus kam als Albergue auch nicht in Frage, weil wir über den Camino Duro weiter sind bis Trabadelo.
    So langsam glaube ich, dass wir es schaffen. U.a. dank deines Wheelys!
    Wenn nichts dazwischen kommt, werden wir am Freitag, 27.6., bei dir vorbeikommen, um den Wheely zurückzubringen.

    Bis dann!

    Reinhard

  • #4

    Mama Ingrid (Montag, 10 Juni 2013 21:06)

    HUIUIUI1 Ist ja fast wie bei den alten Römern, oder wie im Mittelalter! Zisternen und Latrinen, Tempelritter und im dichten Nebel vor Angst pfeifende Pilger! Dass der Camino euch jetzt richtig was abverlangt, finde ich für einen Pilgerweg nicht schlecht.
    Ohhh, Sira hat Konkurrenz bekommen, aber bestimmt hat Olli nicht ihren Charme ;-) Na, wo ein Hund unterkommt, können sicher auch zwei schlafen.
    Jaja, die Radfahrer! Die nerven mich auch immer. Gut, dass ich nicht radfahren kann.
    Das Wetter ist hier auch - irgendwie merkwürdig. Die Temperaturen sollen wieder steigen, aber die Luftfeuchtigkeit ist wie in der Karibik oder im Regenwald. In den Nachrichten habt ihr vielleicht gesehen, dass in einigen Teilen Deutschlands "Land unter" ist. Katastrophenalarm, Jahrhunderthochwasser!
    Bei uns NOCH alles okay.
    Bin gespannt, wies bei euch weitergeht.
    Bessos