Pilgern mit Hund nach Santiago de Compostela

Translation:

Annika: No Peanutbutter, but paradise!

Von Santa Catalina nach Manjarin, 24 km

Wir haben sie überlebt! Auch hinter die gefährlichen Straßenhunde der Geisterstadt Foncebadón können wir einen Haken setzen. Wir sind einfach gut!

Am Morgen schaffe ich es tatsächlich mal, mich um sechs Uhr aufzuraffen. Geplant war Viertel vor sechs. Na, da sind wir doch schon nah dran...

Wir haben einen frühen Aufbruch geplant, denn schließlich steigen wir heute auf zum Cruz de Ferro, einem der bekanntesten Punkte des gesamten Jakobsweges. Wir starten auf 977 hm und steigen auf auf 1517 hm. Wir wollen früh los, um diesen harten Anstieg ruhig angehen zu können, zumal wir ja auch abends wieder das Zelt aufbauen wollen.

Überraschend früh kommen wir tatsächlich los. Um halb acht verlassen wir Santa Catalina. Die meisten anderen Pilger aus unserer Herberge sind noch nicht unterwegs. Sie gehen wahrscheinlich nur bis Rabanal und lassen es deshalb ruhig angehen. Auch mal was Neues, dass wir zu den frühen Pilgern gehören...

Zeitgleich verlassen mit uns zwei asiatische Männer und eine Frau die Herberge. Einer der Herren stürzt sich mit einem Kampfschrei in die Tagesetappe. So geht's natürlich auch...

Der Weg verläuft heute morgen auf einer Piste parallel zur Straße. Das ist mir zu albern. Außerdem nimmt Sira weniger Pilgerwitterung auf, ich hab keine Steinchen im Schuh, der Wheely fährt wie von selbst und hier fährt quasi eh kein Auto. Also ist es entschieden. Bis ins Dorf El Ganso laufen wir über die Landstraße. Der bedeckte Himmel kann die einsame Schönheit der buschig-trockenen Maragateria nicht trüben. Die Hügel, die uns umgeben, tragen das rauhe Grün der unbezwingbaren, ertraglosen Wildnis. Vereinzelte Bäume sind zu sehen, mal auch ein ganzes Wäldchen, aber größtenteils sieht man Gestrüpp und Buschwerk. Der Boden ist felsig und steinig. Einfach schön!

Nach El Ganso entscheiden wir uns mal für die Straße, mal für den parallelen Pfad, bis wir Rabanal del Camino erreichen. Als wir fast den Ortsausgang erklommen haben (es geht heute wohl doch eher seicht und stetig bergauf statt kurz und steil), gönnen wir uns eine Pause im letzten Café des Ortes. Papa trinkt Kaffee, ich Cola und brüderlich teilen wir drei den Frischkäse unter uns auf, Papa und ich auf Brot, Sira direkt aus der Packung.

Die Uhr schlägt elf, als wir uns an die letzten sechs Kilometer nach Foncebadón begeben. Mein Gott, was sollen wir denn mit dem Rest des Tages noch anfangen? Naja, laut Papas Aussage geht es von jetzt an ja auch erst richtig zur Sache. Jetzt kommen die ECHTEN Höhenmeter. Ich bin gespannt. Oder besser gesagt, ich habe Respekt. Meine merkwürdige Sommergrippe beeinflusst mich auch heute noch. Schon die kleinen Aufstiege bringen mich ans Hecheln. Also mache ich gaaaanz langsam. Papa nimmt mir heute mal wieder zur Entlastung Sira für eine ganze Weile ab. Als sich die beiden abwechselnd gegenseitig den Berg raufziehen, gebe ich auf. Sollen die ruhig mal machen. Ich gehe mein Tempo.

Der Pfad ist weitaus weniger steil ansteigend und geröllig als ich erwartet hatte. Im Gesamten fühle ich mich gut, als wir Foncebadón erreichen. Ich könnte glatt noch weitergehen nach Manjarin, in dem eine rudimentäre Templerunterkunft, von der ich im Reiseführer gelesen habe, doch sehr reizt. Als ich Papa noch vorm Ortseingang von meiner Idee erzähle, ist er nicht so richtig überzeugt, denn er traut meinem Gesundheitszustand, dem Wetter und der Unterkunft in Manjarin nicht über den Weg. Warten wir mal ab...

Zunächst gilt es sowieso erstmal Foncebadón zu überstehen. In vielen Foren liest man nichts Gutes über das Dorf. Man schrieb vor einiger Zeit, es sei eine verfallene Geisterstadt. Die einzigen Bewohner seien die wilden Hunde, vor denen sich der Pilger in Acht nehmen solle. Diese Zeit muss wohl schon länger vorbei sein. Den Einkünften des Jakobsweges sei Dank, inzwischen ist hier nichts mehr verlassen. Stattdessen lebt das Bergdorf von den Pilgern. Drei Herbergen gibt es hier, außerdem einen kleinen Supermarkt, indem man sich mit dem Nötigsten versorgen kann.

Drei Hunde begegnen uns gleich am Ortseingang, ein mittelgroßer schwarzer Mischling, eine Art zu kurz geratener Dalmatiner und ein riesiger 80kg-Koloss von einem ortstypischen Hütehund. Von wilden Straßenhunden kann allerdings keine Rede sein. Jeder trägt ein Halsband, ist top gepflegt und lammfromm zu jedem Vier- und Zweibeiner. Als Sira sich schließlich von der Friedfertigkeit des Giganten überzeugen lässt, spielen sie ausgelassen miteinander. Gott sei Dank! Nach unserer traumatischen Erfahrung mit dem Deutschen Schäferhund in Frankreich hatte ich ein solches Verhalten anderen Hunden gegenüber weder Sira noch mir zugetraut. Und wenn man den elefantengroßen Kopf dieses gutmütigen Zottels sieht, muss ich uns wirklich loben. Wir sind ganz schön mutig!

Die Hospitaleros der Albergue, bei der wir uns zum Zelten angemeldet haben, begrüßen Sira und uns freundlich, dann ist ihre erste Frage: "Rüde oder Hündin?" Als wir antworten, machen sich Zweifel in ihren Gesichtern bemerkbar. Sie zeigen uns trotzdem den Zeltplatz und wir verstehen. Ein anderer Gigantenhund schläft fünf Meter von unserer zukünftigen Schlafstätte. Allerdings handelt es sich hier um eine Hündin. Und, wie der Hospitalero sagt: "Laila is the boss. She's protecting, you know?" Yes, I know. Wir erzählen ihm von unserer Idee, eventuell weiter zu gehen nach Manjarin, um dort bei Tomás, dem Tempelritter zu schlafen. Er befürwortet die Idee, da er nicht für seine Hündin garantieren kann, rät uns aber zu einer anderen Unterkunft. Es gäbe eine neue Herberge, "like Tomás, but with better spirit, you know?" We don't know, aber wir wollen uns das Ganze vor Ort anschauen. Wir verabschieden uns und bedanken uns für den guten Rat, dann ziehen wir weiter. Sira ist inzwischen völlig verliebt und ins Spiel mit dem zu kurz geratenen Dalmatiner vertieft. Der Gute begleitet uns noch ein ganzes Stück aus dem Ort hinaus und Sira tut so, als würde sie nie etwas anderes machen als aus schmutzigen Pfützen zu trinken und kniehoch durchzuwaten . Einen Kilometer später verscheuche ich schweren Herzens den kleinen Kerl. Keine Findlinge mehr! Als wollte der liebe Gott mich bestrafen, setzt unmittelbar danach ein heftiger Regenschauer inklusive Hagel ein. Sira hat es inzwischen verstanden: Während ich Papa helfe, seinen Schirm aus dem Wheely zu fädeln, setzt sie sich in Wheelys Windschatten, um dem Gröbsten zu entkommen. Nachvollziehbar! Die nächsten zehn Minuten verharren wir drei also dicht zusammengekauert unterm Schirm. 

Als es sich beruhigt hat, ziehen wir durch wunderschöne Heidelandschaft hinauf zum höchsten Punkt unserer Reise, dem Cruz de Ferro, dem "Eisenkreuz". Hier befindet sich ein fünf Meter langer Eichenstamm, auf dessen Spitze ein eisernes Kreuz thront. Der Stamm ist eingebettet in einen gewaltigen Steinhaufen. Seit über tausend Jahren legt jeder Pilger dort einen Stein oder einen Gegenstand ab, den er auf der Reise mit sich getragen hat. Der Stein gilt als Symbol für die Lasten, die man auf der Pilgerreise mit sich getragen hat und hier ablegt, die anderen Gegenstände, Fotos und Briefchen sagen meist aus, wem der Pilger diesen Weg gewidmet hat. Eine Weile schweifen wir nachdenklich über den Hügel, bis uns der Regen in den Unterstand treibt.

Hier treffen wir mal wieder auf den jungen Österreicher, der uns jetzt auch schon öfter begegnet ist. Das ist ja mal ein ganz ein Gewitzter! Er hat sich in León ein Skateboard gekauft. Immer wenn es möglich ist, eine glatte Straße bergab zu fahren, kommt das Board unter die Füße und in Nullkommanix ist er unten. Cool! Ich würde mir zwar alle Gräten brechen und wäre auch nicht bereit, für die paar Gelegenheiten ständig ein solches Zusatzgewicht mit mir rumzuschleppen, aber die Idee hat was. So macht eben jeder seinen eigenen Camino...

Der Regen gibt bald wieder auf und wir erreichen Manjarin. Hier leben wohl nur Aussteiger. Ein paar alte abgewrackte Wohnwagen, Bretterbuden, kein Strom, kein fließendes Wasser, keine Toiletten. Sechs Menschen und sechzehn Hunde, wie wir später erfahren. Irgendein Gefühl sagt uns, dass wir gar nicht zu Tomás und seinen Rittern gehen sollen, sondern direkt zu dem Haus mit dem "better spirit".

Also folgen wir den Schildern Richtung "Casa Lau-Buru", immer weiter bergab, bis wir plötzlich, quasi im Gebüsch eine größere Bretterbude sehen. Auf der Bank davor sitzt ein Mann im Cowboy-Look und klimpert mit einem breiten Grinsen auf einer Gitarre. Papa fragt: "Albergue?", der Typ nickt nur grinsend und zeigt auf die Bretterbude. Merkwürdiger Typ....

Wir klingeln an der Glocke und hören jemanden aus der oberen Etage herunterkrabbeln. Die Tür geht auf und vor uns steht Paco, ein bärtiger Mittvierziger mit teilweise langen schwarzen Locken, und einer Mütze. Er trägt eine dunkelrote Pluderhose und einen schwarzweißen Schal, merkwürdig um die Schultern geschlagen. "Welcome peregrino!" Er bittet uns herein, bietet uns Tee und etwas zu Essen an. Sofort umfängt uns eine unheimlich beruhigende, fast einschläfernde Mischung aus gregorianischen Gesängen, Mandalas, Buddha-Figuren, Räucherstäbchen, Kaminwärme und Kerzen. Nach einigem Hin und Her ist auch Sira im Haus kein Problem. Auf einen Schlag fühlen wir uns leicht, frei und restlos entspannt. In diesem Haus gibt es ebenso wie im Rest des Ortes kaum Strom, nur Wasser aus dem Kanister und ein Plumpsklo hinterm Haus.

Das heißt also: Kein Handy aufladen! Ganz bewusst schalte ich mein Handy aus. Also kein Bloggen heute! Die nächsten anderthalb Stunden verbringen wir vor dem Kamin mit Paco, bei Tee, Kaffee, Salat, Brot und Hühnergeschnetzeltem. Der Regen prasselt auf's Dach und Blitz, Donner und Wind scheppern ums Haus. Danke, lieber Gott, dass ich nicht zelten muss!

Paco kann kein Englisch, wir kein Spanisch, aber wie er sagt, verstehen wir mit dem Herzen. Trotzdem wird es um Einiges einfacher, als am frühen Abend zwei weitere wundervolle Pilgerinnen unseren Kreis vergrößern. Sie sind in etwa in meinem Alter, in Rumänien geboren, aber schon seit neun und fünfzehn Jahren in Spanien lebend. Sie sind ganz verliebt in Sira und mir auf Anhieb sympathisch. Von jetzt an sind sie unsere Simultan-Übersetzer.

Paco erzählt ihnen, diese Herberge hier gehöre zur selben Organisation wie das "Paradise", der kleine Donativostand, den Papa gestern beschrieben und der uns so gut gefallen hat. Außerdem erzählt er, dass der Mann mit der Gitarre, der uns mittags den Weg hierher gewiesen hat und seitdem immer mal wieder hereingeschneit ist, ein Schweigegelübde abgelegt habe.

Während der Tag zum Abend wird, schaut auch immer wieder der Mann vorbei, der die beiden Mädels hergebracht hat. Er ist Franzose, trägt seine schwarzgrauen Haare ebenfalls stellenweise lang, stellenweise kurz und hat ein strahlendes Gesicht mit einer verblüffenden und urkomischen Ähnlichkeit zu Disneys Balou, dem Bären.

Zum Abendessen, das wir zusammen herrichten, gesellen sich noch eine Pilgerin aus Kolumbien und ein weiterer französischer Hospitalero zu uns.

In gemütlicher Runde mit außergewöhnlichen Gesprächen sitzen wir zusammen, bis es dunkel wird. Hier entscheidet der Tag selbst, wann er zu Ende ist. Da wir bald nichts mehr sehen, gehen wir zwangsläufig schlafen. Neben Sira lege ich mich auf die Isomatte vor den warmen Kamin. Die ganze Nacht über brennen drei rote Teelichter und verbreiten eine einzigartige Stimmung, wenn man wach wird.

Für Morgen habe ich keinen Wecker gestellt. Der Tag entscheidet auch selbst, wann er anfängt.

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Kommentare: 2
  • #1

    Mama Ingrid (Sonntag, 09 Juni 2013 01:34)

    Und was habt ihr am PIlgerstein hingelegt?
    Schade, dass es bei euch immer wieder hagelt oder regnet, bei uns ist der Sommer eingezogen.
    Es geht bestimmt auch ohne Handy und so neumodisches Zeugs.
    Plumpsklo! Geil!

  • #2

    Fritz (Sonntag, 09 Juni 2013 13:52)

    Hallo Annika,
    deine Foncebadon-Schilderung weckte meine Erinnerung, an unsere Passage des "Geisterdorfes" 1999. Damals war Foncebadon wirklich von allen Geistern verlassen. Es gab nur Ruinen, und es wohnte keine Menschenseele mehr dort. Als Rough und ich einen halb zerfallenen Stall passierten, gesellte sich aus diesem Schlupfwinkel eine dieser Riesenhündinen mit ihrem Welpen im Schlepptau zu uns. Der Welpe war schon grösser als Rough.
    Beide begleiteten uns bis zum Kreuz hoch - total friedlich - einfach souverän.
    Oben am Kreuz machte ich Brotzeit. Die Riesenhündin legte sich in einigem Abstand ab, während ihr Welpe ganz subtil bettelte ohne aufdringlich zu sein. No Problems. Nur Frieden! Diese Riesenhunde sind absolut friedlich und souverän.
    Gruss Fritz